Sonntag, den 04.07.2010: nach Burgtiefe
Jetzt kann es also losgehen. Der Plan: In vier Wochen die schwedische Westküste bis möglichst weit nach Norden befahren, idealerweise bis zur norwegischen Grenze oder gern auch darüber hinaus, vielleicht bis in den Oslofjord. Wie gewohnt gilt es dafür erst einmal Strecke zu machen. Der kürzeste Weg in den Norden führt für mich durch Fehmarnsund und Großen Belt, womit mir im Prinzip der gleiche Auftakt wie im letzten Jahr bevorsteht.
Am Anreiseabend habe ich gleich als erstes den Ankerkastendeckel durchgetreten, als ich mit meinem Gepäck auf dem Ast an Deck sprang. Überraschend kommt das nicht, sah das Ding doch schon seit Jahren morsch aus. So beginnt die Reise gleich mit Basteln. Die Behelfsreparatur wird dann aber nicht lange halten, und den größten Teil des Urlaubs werde ich ohne diesen Deckel rumfahren. Mit solchem Zierat soll man sich nicht aufhalten, wenn man in die hellen Nächte will.
Mit etwas Verspätung geht es also auf die Reise. Natürlich ist für den Auftakt wieder eine Übernachtfahrt geplant. Doch bald wird klar, dass ich mit den meist schwachen Nordostwinden nicht viel würde anfangen können. Anfangs muss ich gegenan kreuzen, später dümpele ich an einschlafendem Wind voran. Das hat keinen Sinn - ich werde heute in Fehmarn vorzeitig Schluss machen müssen.
Am Ende war das sattsam bekannte Burftiefe der einzige ohne weitere Kreuzerei und bei Tageslicht erreichbare Hafen. Wenigstens ist das Wetter schön sommerlich, streckenweise war es fast schon schwül. Und morgen gibt es hoffentlich mehr Wind.
Montag, den 05.07.2010: von Burgtiefe in den Großen Belt (auf See)
So halbwegs passt der Wind heute. Anfangs geht unangekündigt noch ein laues Lüftchen aus Süd, bald darauf dreht es wie versprochen auf Nordwest und wird mehr. Hinter der Fehmarnsundbrücke muss ich etwas kreuzen, später kann ich dann so gerade auf die dänische Seite anliegen.
Den Fehmarnbelt quere ich noch bei Tageslicht. Kurz vor Leuchtturm Albuen, der die Einfahrt in den Großen Belt markiert, muss ich in der Abenddämmerung noch ein paar Kreuzschläge einschieben, bevor es dann hoch am Wind weiter nordwärts geht.
Dienstag, den 06.07.2010: durch den Großen Belt nach Kalundborg
Aus dem Logbuch: Sehr unkomfortable Fahrt duch den Belt, immer nur hoch am Wind bei meist 5 Bft. Auch der Strom steht
gegen mich. Beim Passieren der Beltbrücke muss ich in ihrem Windschatten sogar den Motor anwerfen um noch Fahrt über Grund
zu machen. 24 Stunden am Steuer, keine Chance auf Schlaf, immer volle Konzentration hoch am Wind - zum Abgewöhnen.
Als klar wird, dass ich Samsø erst spät Abends erreichen könnte, entscheide ich mich für den letzten Hafen davor, also Kalundborg, auch wenn ich dafür sechs Meilen in die Bucht hinein- und am nächsten Tag natürlich auch wieder herausfahren muss. Dieses Stück versöhnt mich immerhin ein bisschen mit meinem Törn, denn das Wetter wird besser, und auf dem lockeren Vorwindkurs kann mein mechanischer Rudergänger übernehmen. Ich kann endlich etwas essen und mich ein wenig ausruhen.
Statt im Stadthafen mache ich im Segelclub gegenüber fest - etwas abgelegen, aber mit kostenlosem W-Lan. Abends ziehe ich in den Ort und sehe mir in einer Kneipe das WM-Viertelfinale Niederlande-Uruguay an.
Mittwoch, den 07.07.2010: von Kalundborg ins Kattegat (auf See)
Plan war ein 100-Meilen-Schlag nach Laesø, aber der Wind will sich mal wieder nicht an die Vorhersage halten. Den ganzen Tag lang herrscht ziemliche Flaute, schon allein das Stück aus der Kalundborg-Bucht heraus dauert vier Stunden. Na, wenigstens ist es dabei schön sonnig und warm.
Als ich endlich Rosnaes gerundet und den Wind von hinten habe, setze ich den Blister, erstmals seit mehreren Jahren. Der bringt fast einen Knoten mehr Speed, aber so richtig schnell bin ich trotzdem nicht. Bei Sonnenuntergang hole ich ihn wieder ein, weil ich fürchte, sonst im Dunkeln bei kräftigerem Wind an Deck herumturnen und die Blase unter Kontrolle bringen zu müssen - eine überflüssige Maßnahme, denn es bleibt die ganze Nacht lang flau.
Diesmal erlebe ich eine gemütliche Nachtfahrt. Bei ein paar Flaschbier höre ich mir über Mittelwelle 'Schlands Halbfinalniederlage gegen Spanien an. Mit dem Tempo werde ich Laesø wohl nicht ohne Zwischenstop erreichen.
Donnerstag, den 08.07.2010: durch das Kattegat nach Anholt
Als am frühen Morgen endlich ordentlich Wind aufkommt, wird immerhin Anholt erreichbar. Vor 4 bis 5 Bft rausche ich also auf Ostseeseglers Trauminsel zu. Es ist immer wieder ein erhebender Anblick, wenn die Insel vor dem Bug aus dem Dunst auftaucht.
Wie üblich ist der Hafen auch diesmal total überfüllt, doch da ich am Vormittag einlaufe, ist es nur eine Frage der Zeit, bis jemand seinen Liegeplatz räumt. Hier muss man mit Heckanker anlegen. Nach dem Debakel von Skagen im Vorjahr hatte ich mir vorgenommen, das einhand und in engen Häfen besser sein zu lassen. Deshalb mache ich mich erst mal provisorisch am Nachbarn fest und bringe den Anker dann mit dem Schlauchboot aus - eine Prozedur, die sich fast eine Stunde hinzieht. Danach setzt Regen ein. Ich verkrieche mich für ein paar Stunden in die Koje.
Später am Tag hört der Regen auf, und ich breche zu einem kleinen Inselrundgang auf, erst durch den Wald ins Dorf, dann durch die berühmte Heidelandschaft an den menschenleeren kilometerlangen Nordstrand und schließlich über den Nordberg zurück zum Hafen. Herrlich.
Freitag, den 09.07.2010: von Anholt ins Skagerrak (auf See)
Um 8 Uhr werde ich geweckt, weil der dänische Nachbar sich beim Ablegen gründlich in meiner Ankerleine verfangen hat. Dass ich diese Heckankerei hasse, erwähnte ich ja bereits. Irgendeine Frau, die zum Helfen mein Boot enterte, ist dabei in meine Ankerkasten-Fallgrube getreten, von nun an fahre ich ohne den Deckel.
Immerhin bin ich durch diese Aktion früh auf den Beinen, was meine Chancen steigert, heute nach Laesø zu kommen. Doch nach dem Ablegen habe ich wieder einmal viel weniger Wind als angesagt. Ich dümpele stundenlang nordwärts und genieße die Sonne.
Zum Zeitvertreib packe ich die Angel aus. Es dauert keine Minute, bis ein vielleicht 15 Zentimeter langes Fischchen anbeisst - der erste Fang meines Lebens! Als Bereicherung des Speisezettels eignet sich das Vieh aber nicht. Beim Herausfummeln des für diesen Kameraden deutlich überdimensionierten Drillingshakens piekse ich mich tief und schmerzhaft in den Finger - warum konnte er nicht auf den Beifänger beißen, den ich eigens für seine Gewichtsklasse montiert habe? Am Ende setzen mein fischiger Freund und ich unsere jeweiligen Wege leicht lädiert fort. Meinen Kampf mit dem Monster der Tiefsee muss ich somit unentschieden werten.
Gegen Abend kommt es ein bisschen mehr Wind auf, aber Laesø ist nicht mehr sinnvoll erreichbar. Es wäre ja auch das erste Mal auf dieser Reise gewesen, dass ich das geplante Etappenziel geschafft hätte. Langsam wird mir auch klar, dass ich den danach geplanten 100-Meilen-Hochseeschlag von Laesø bis zum Oslofjord bei diesen schwachen und unbeständigen Winden wohl vergessen kann. Ein Plan B ist gefragt. Nach kurzem Kartenstudium beschließe ich, über Nacht an Laesø vorbeizufahren und dafür die Etappe bis zur schwedischen Küste zu verlängern. Marstrand liegt gerade in passender Entfernung.
Allmählich gewöhne ich mich an den Rhythmus, jede zweite Nacht auf See zu verbringen. Es wird eine sehr schöne, zugleich ruhige und schnelle Nachtfahrt. Elegant schummele ich mich durch die fast lückenlose Großschifffahrtsprozession im Hauptfahrwasser des Kattegats. Die Nacht ist enorm hell.
Samstag, den 10.07.2010: durch das Skagerrak nach Marstrand
Am frühen Morgen tauche ich vor Marstrand auf. Schon von weitem sieht man die Carlsten-Festung über der Stadt. Nicht weniger eindrucksvoll sind die vorgelagerten karstigen Schären - schon eine ganz andere Landschaft, als man sonst so an der Ostsee geboten bekommt! Mit viel Respekt nehme ich eine Abkürzung durch einen schmalen, aber dennoch reichlich tiefen Sund. Auch an diese Wassertiefen in unmittelbarer Ufernähe muss man sich erst einmal gewöhnen.
Der Hafen ist trotz der frühen Stunde total überfüllt. Ich finde noch einen Platz am Kopf eines Stegs auf der Koön-Seite, also eigentlich gegenüber von Marstrand. Die Hafentoiletten sind hier eine Katastrophe, zum Duschen muss ich mit der Fähre übersetzen, und bei dem regen Schiffsverkehr gibt es auch reichlich Schwell. Trotzdem ist der Platz an meiner Seite heiß begehrt. Bis zum nächsten Morgen macht in ständigem Wechsel insgesamt ein gutes halbes Dutzend Päckchennachbarn an mir fest. Wenn man eine Nacht Schlaf nachholen will, nervt das schon ein bisschen. Nach drei Stunden in der Koje mache ich mich auf Landgang.
Hauptgrund für den Trubel dürfte sein, dass an diesem Wochenende irgendeine Match-Race-Veranstaltung läuft. Ich verfolge die Regatten mit mäßigem Interesse. Umso ausgiebiger sehe ich mir dafür Stadt und Festung an. Bei herrlichem Sommerwetter l atsche ich auf dem Uferweg einmal rund um die Insel Marstrandsön.
Sonntag, den 11.07.2010: von Marstrand nach Smögen
Durch immer noch ständig wechselnde Päckchenlieger werde ich frühzeitig geweckt. Nach dem Auslaufen merke ich, dass irgend jemand auf meinem Vordeck eine Festmacherleine vergessen hat. Also mache ich brav noch mal kehrt und drücke das Ding im Vorbeifahren meinem letzten Nachbarn in die Hand.
Aus dem Logbuch: Endlich mal ein Tagestörn, der wie geplant abläuft! Laufe (meist) flott vor der Küste rauf nach Smögen.
Mittendrin zog mal heftiger Regen mit anschließender Flaute durch, sonst war es aber schön sonnig und warm, mit passendem
Wind.
Nach dem Durcheinander von Anholt und Marstrand ist der neue Hafen von Smögen eine Erlösung: Es gibt genug Platz (zumindest
in meiner Klasse - das geht hier alles schön nach Größe sortiert), problemlos Strom und 1a sanitäre Anlagen. Geht doch!
Das Städtchen Smögen, malerisch in einen felsigen Fjord gequetscht, ist ein beliebter wie belebter Touristenort. Mit der eleganten Promenade am alten Hafen wirkt der Ort wie eine Mischung aus Cote d'Azure und Bullerbü. Hier finde ich natürlich auch einen Pub, in dem ich mir bei ein paar Bierchen das WM-Endspiel ansehen kann. Wenigstens ist es nicht Holland geworden.
Montag, den 12.07.2010: von Smögen nach Fjällbacka
Mit unbestimmtem Ziel breche ich in Richtung Norden auf. Bei schwachem Wind gegenan war aber nicht viel zu machen. Am Ende lande ich im gerade einmal 16 Meilen entfernten Fjällbacka.
Immerhin erlebe ich eine sehr schöne Fahrt durch den Schärengarten zwischen Hamburgsund und Fjällbacka. Der Hafen ist zwar voll, aber für mein kleines Boot finde ich wieder einmal einen passendes Liegeplätzchen. Nur der Weg zu den Duschen ist heftig weit. Auf dem Marsch dorthin zieht ein heftiges Gewitter mit Starkregen durch. Als ich ankomme, bin ich schon so durchgespült, dass ich gleich wieder zum Boot zurückgehen kann. Auch gut.
Dienstag, den 13.07.2010: von Fjällbacka in den Oslofjord (auf See)
Durch das Sommerwetter mit den schwachen Winden liege ich jetzt schon einige Tage hinter meinem Zeitplan. An diesem verregneten Vormittag kalkuliere ich, ob das Traumziel Oslo überhaupt noch erreichbar ist, ohne die Rückreise zu knapp planen zu müssen. Doch, ich habe noch eine Chance, und zwar wenn ich jetzt mit einer weiteren Übernachtfahrt direkt hinfahre. Aber dafür sollte bitte schön erst einmal der Dauerregen aufhören!
Am Nachmittag wird das Wetter tatsächlich besser, und der Wind dreht auf Südwest - das passt! Ich schlängele mich aus dem
Schärengarten heraus und nehme dann direkt Kurs auf den Leuchtturm Struten, der die Einfahrt in den Oslofjord markiert.
Mit 5 Bft. habe ich dabei mehr Wind als angesagt, und über das offene Skagerrak rollt dazu 1 Meter See heran, durchsetzt
mit vielen Kaventsmännern bis 2 Meter. Ich muss stark reffen, um den Kahn überhaupt halbwegs auf Kurs halten zu können.
Es wird also wieder mal eine anstrengende Fahrt, bei der ich das Ruder praktisch nicht verlassen kann. Erst weit nach
Mitternacht, schon recht tief im Fjord, lässt die Dünung nach, und ich kann ein paar Bissen essen. Das Logbuch vermerkt
außerdem: Pinkeln geht erst bei Sonnenaufgang."
Mittwoch, den 14.07.2010: durch den Oslofjord nach Oslo
Nachts steuere ich also in und durch den Oslofjord - etwas gewagt, denn ich habe von der Gegend keine richtige Seekarte. Aber was heißt hier schon Nacht - ich hatte durchgehend gute Landsicht. Außerdem ist es hier irre tief (vor der Einfahrt z.B. unglaubliche 400 m), und der Schiffsverkehr, der sich hier weitgehend auf Fähren beschränkt, hält sich nachts auch in Grenzen.
Der Fjord zieht sich ganz schön hin, von Struten bis Oslo sind es gediegene 50 Meilen. So kommt es, dass ich auch nach Tagesanbruch noch lange vor mäßigen Winden immer schön geradeaus nordwärts fahre und die vorbeiziehende niedliche Landschaft betrachte. Jetzt setze ich auch die norwegische Gastlandflagge. Das Teil lag übrigens seit 30 Jahren unbenutzt und originalverpackt an Bord rum und muffte vor sich hin. Nun ist klar, dass es doch nicht umsonst gekauft worden ist.
Am späten Vormittag taucht endlich Oslo vor mir auf. Ich finde einen Liegeplatz in der mondänen Herbern Marina im neuerrichteten Stadtteil Aker Brygge - so etwas wie die HafenCity von Oslo. Laut Wikipedia hat Oslo kürzlich Tokyo den zweifelhaften Titel der teuersten Stadt der Welt abgenommen. Nun gut, 260 Kronen (31 Euro) Liegegeld sind schon mal eine Ansage. Davon abgesehen gibt es an dem Hafen aber wirklich nichts zu bemängeln.
Ich gönne mir zweieinhalb Stunden Schlaf und breche dann zum ersten Landgang auf. Ich klappere die unvermeidlichen Sehenswürdigkeiten ab. Dass man sich hier eine schicke neue Oper gegönnt hat, dürfte allgemein bekannt sein, nicht zuletzt, weil Angie bei der Eröffnung ihre Möpse gezeigt hat. Die alte Festung hingegen haben Stoffel und ich schon bei unserer 1994er Motorradtour gesehen - sie ist immer noch da. Und wie es sich für eine Monarchie gehört, gibt es hier natürlich auch ein Schloss. Davon abgesehen ist Oslo eine ansehliche Metropole. Ich bummele ausgiebig durch die Stadt. Man hört hier auf den Straßen erstaunlich oft Deutsch. Hergesegelt sind die Leute aber sicher nicht, denn ich bin das einzige deutsche Boot im Hafen - wie übrigens auch in allen folgenden norwegischen Häfen.
Oslo wird natürlich der fernste Hafen der Reise - auf 59° 54' nördlicher Breite. Hätte Slartibartfass den Fjord nur sechs Meilen länger gemacht, hätte ich also mühelos den sechzigsten Breitengrad überqueren können. Aber auch so ist dies der nördlichste Punkt, der mit der Adventure je erreicht wurde.