Nordjütland 2009

Karte Eine Reise auf den Spuren des Wikingerkönigs Brandbart Affald.

Teil 1: Miles & More

Ins Herz der Finsternis

Sonntag, den 19.07.2009: Durch den Fehmarnsund in den Großen Belt

Endlich Urlaub, vier Wochen Zeit. Der Generalkurs: Ab in Dänemarks Norden, rund um Skagen, ein bisschen Nordseeluft schnuppern und dann zurück durch den Limfjord. Klar, dass ich für das Programm am Anfang ordentlich Meilen runterreißen muss.

Am Samstag hatte ich noch die letzten technischen Probleme gelöst (Benzinleitung, Positionslampen) und alles durchgecheckt. Tank ist voll, Proviant an Bord, Wetterbericht günstig. Kurz nach Mittag geht es auf einen Törn, der frühestens am nächsten Tag enden soll.

Aus dem Logbuch: Der angesagte praktische Wind ließ auf sich warten, statt dessen gab es bis zum Abend einen Kessel Buntes. Zum Glück dreht der Wind immer rechtzeitig so, dass ich gerade eben nicht kreuzen muss.
Fehmarnsundbrücke
Ab Fehmarnsund läßt der Wind keine Kochaktivitäten mehr zu. Deshalb mache ich mich mit Keksen auf in die Nachtwache. Dafür läufts prima. Wetter bleibt nachts trocken, Temperaturen erträglich.

Flügge

Bei Sonnenuntergang habe ich den Leuchtturm Flügge gerundet und mache mich über den Fehmarnbelt. Sich nachts in einer der meistbefahrenen Wasserstraßen zwischen den dicken Pötten durchzumogeln ist eine durchaus spaßige Erfahrung. Die hatten alle Angst vor mir.

Die Wasserautobahn

Montag, den 20.07.2009: Durch den Großen Belt nach Ballen (Samsø)

Gastlandflagge

In der Morgendämmerung fahre ich in den Großen Belt ein. Da der Wind gerade passend abflaut, gönne ich mir von 4 bis 6 Uhr etwas Schlafersatz und döse minutenweise auf einer Cockpitducht, während der Eiserne Gustav steuert. Abseits des Hauptfahrwassers, und lange bevor die Segler aufgewacht sind, geht das problemlos und macht mich wieder für etliche Stunden fit.

Bisher war der Große Belt für mich ein Segelrevier, das man in ein paar gemütlichen Tagesetappen durchquert. Aber diesmal nutze ich es wie die Großschifffahrt als Wasserautobahn für den schnellsten Weg nach Norden.

Großer Belt Großer Belt Großer Belt

Kurz nach 9 passiere ich dann schon die große Brücke. Netterweise passiert zusammen mit mir etwa ein Dutzend große Traditionssegler die selbe Durchfahrt.

Großer Belt

Gegen Mittag werde ich dann doch müde und beschließe, Ballen auf Samsø anzulaufen. Kurz vor Einlaufen wird das Wetter deutlich schlechter und bleibt dann auch den ganzen Abend regnerisch. Der Hafen ist wie immer überfüllt, ich mache als dritter im Päckchen fest. Endlich kann ich Duschen, Essen und Schlafen. Abends raffe ich mich noch zu einem kurzen Spaziergang ins Nachbardorf auf. Nichts besonderes los hier bei dem Nieselregen, in der Hafenkneipe bemüht sich eine Band um eine handvoll Urlauber.

Binnen 25,5 Stunden habe ich 116 Seemeilen absolviert, das erste Etmal lag über 100 Meilen, das fängt ja gar nicht so schlecht an.

Richtung Norden, und dann immer geradeaus

Dienstag, den 21.07.2009: Samsø - auf See (Kattegatt)

Es läuft weiter. Mit ähnlichem Wind wie an den Vortagen rausche ich Richtung Norden. Die verläßliche Abendflaute bremst mich für eine Weile aus, gibt mir aber Gelegenheit, mit Blick auf Grenaas Leuchtturm eine Dose Ravioli warmzumachen.

Grenaa

Nachtsegeln für Genießer: Stetiger raumer Wind, erträglich kühl, immer über 5 Knoten. Mit Flaschbier und Fritz-Cola geht es durch die Nacht. Das Kattegatt ist nachts am schönsten - vor fast 15 Jahren hatte ich hier schon mal einen ähnlich wunderbaren Nachttörn, von Laesø nach Hals.

Um diese Jahreszeit wird es hier im Norden gar nicht richtig Nacht - der schwache Schimmer Dämmerlichts wandert am Horizont einfach von Nordwest über Nord nach Nordost, wo dann irgendwann die Dämmerung einsetzt. Darüber ein herrlich klarer Sternenhimmel.

Der Skagen-Express

Mittwoch, den 22.07.2009: auf See (Kattegatt) - Skagen

Aus dem Logbuch:
In Grad mal vier Tagen
Rauf bis nach Skagen!
Und auch im Kattegatt
ging für mich alles glatt.
Da kann ich wirklich nicht klagen!

Wie bestellt gibt es auch heute wieder eine Morgenflaute, die mir Gelegenheit zu ein paar Minuten Schlaf im Cockpit gibt. Nach dem Frühstück frischt der Wind passend wieder auf, und so geht es flott weiter nach Skagen.

Völlig glatt läuft es zuletzt dann doch nicht, denn in der letzten Stunde setzen wieder mal Regen und böiger Wind ein. Es ist so diesig, dass ich ewig darauf warte, dass eine Gruppe großer Schiffe endlich vor meinem Bug durchgeht - bis ich erkennen kann, dass die auf Reede liegen und ich gefahrlos durchkreuzen kann. Jedenfalls bin ich froh, als ich im Hafen bin.

Skagen

Die exponierte Lage als Sprungbrett nach Norwegen beschert Skagen ständig mehr Gäste als es subjektiv gesehen verdient hätte - der Hafen ist permanent überfüllt. Zu meinem ersten Anlegeversuch sage ich nur so viel: Ich werde nie wieder versuchen, allein in einem engen Hafen vor Heckanker anzulegen. Schließlich komme ich als zweiter von letztlich dreien im Päckchen zu liegen. Selten so öliges Wasser in einem Hafen gesehen - da falle ich mit meinem Zweitakter wahrlich nicht auf.

Skagen

Abends ziehe ich durch die Kneipenmeile von Skagen. Ihr Hang zur Live-Musik macht die Dänen sympathisch, in jeder besseren Kneipe spielt eine Band.

Durch das Skagerak

Donnerstag, den 23.07.2009: Skagen - Hirtshals

Skagen Odde

Aus dem Logbuch: Der Tag beginnt mit Regen. Viel Regen. Und der hörte auch kaum mal auf; bis zum frühen Abend meist nieselnd. Sehr diesig und kalt. Wind dreht über N auf W.

Bei schlechter Sicht runde ich die legendäre Landmarke in sicherer Distanz. Jetzt kann ich das Skagerak auf die Liste der von mir befahrenen Gewässer setzen.

Gerade noch vor Sonnenuntergang, inzwischen ohne Regen, erreiche ich Hirtshals. Vorschriftsmäßig melde ich mich vor dem Einlaufen per UKW an. Endlich kann ich mein neues Funkgerät mal benutzen!

Hirtshals2

Hirtshals hat eine Marina bekommen, jubelt der Sejlerens Hafenführer, und zeigt dazu eine Luftaufnahme des gesamten großen Hafens. Nun rate man mal, wo sich die Marina befindet? Eben. Eben nicht. Beim Reinfahren sehe ich, dass in dem großen Bootshafen in der Bildmitte nur Fischerboote liegen. Die "Marina" versteckt sich im hintersten Winkel des Hafens und besteht aus einem Steg mit exakt 12 Liegeplätzen.

Aber es ist alles vorhanden, was man so braucht, und man ist mitten in der Stadt - kein Grund zu meckern.

Hirtshals2

Passenderweise steht am Hafen, direkt an der Marina, ein Zirkuszelt, in dem ein paar Bands auftreten. Live-Musik, Bier, Tanzen - der Abend ist gerettet.

In der Jammerbucht

Freitag, den 24.07.2009: Hirtshals - auf See (Jammerbucht)

Vor mir liegt eine lange Etappe: Nächster Hafen, 55 Meilen entfernt, wäre Hanstholm, doch der ist für Sportboote gesperrt. Also muss ich 90 Meilen durch Skagerak und Nordsee bis nach Thyborøn durchfahren. Nun habe ich in dieser Woche schon zwei längere Schläge bewältigt. Der Haken an der Sache: Der Wind bläst immer noch aus Südwest - statt locker davor abzulaufen, muss ich jetzt bis Hanstholm genau gegenan, und auch danach noch hoch am WInd weiter.

Wetterbericht habe ich nicht gekriegt - egal, die Wikinger hatten so was auch nicht. Also munter los (wieder mit vorheriger Abmeldung per Funk) und rund um den Leuchtturm Hirtshals. Viel mehr Wind als erwartet hier, und hohe aus der Nordsee anrollende Wellen. Ich brauche lange, um den richtigen Segeltrimm für dieses Wetter zu finden. Erst als ich das zweite Reff ins Groß binde, laufe ich halbwegs brauchbare Geschwindigkeit und Höhe.

Um den vielen großen Pötten auszuweichen, kreuze ich möglichst weit in die langgezogene Bucht zwischen Hirtshals und Hanstholm hinein. Ich weiß nicht, warum dieses Seegebiet Jammerbucht heißt - ich jammere jedenfalls reichlich über meine (oder Adventures) mangelhafte Kreuzfähigkeit gegen Starkwind und schwere See. Wenn der Wind nicht dreht, wird die Angelegenheit sich ganz schön hinziehen.

In der Nacht nimmt der Wind noch auf 6 Bft zu, und das mit konstanter Bosheit aus SW. Ich kämpfe um jede Meile. unter Deck purzelt alles durcheinander und ins durch die Kajüte schwappende Bilgenwasser. Urlaub ist das wirklich nicht.

Kapitulation

Samstag, den 25.07.2009: auf See (Jammerbucht) - Hirtshals

Als es hell wird, sehe ich, dass der Wind mir den Windex-Pfeil von der Antenne geweht hat. Shit! Von allen Schäden und Ausfällen der Reise wird das der ärgerlichste sein. Aber auch sonst ist die Bestandsaufnahme der Situation wenig erfreulich: Nach über 52 Meilen auf der Kreuz bin ich erst 23 Meilen von Hirtshals weggekommen, und allein bis Hanstholm sind es noch weitere 32 Meilen. Der Wind bläst weiter genau gegenan, und das mit Power. Der Eiserne Gustav kann bei dem Seegang hoch am Wind nicht den Kurs halten, also ist für mich auch keine Pause drin, von Schlaf ganz zu schweigen. Das GPS zeigt Ausfallserscheinungen, wahrscheinlich durch Feuchtigkeit.

Morgens um 6 Uhr 40 ringe ich mich zur Kapitulation durch. Im Grunde war von Anfang an klar, dass ich ohne deutliche Winddrehung keine Chance gehabt hätte. Doch der Wind will ums Verrecken nicht drehen.

In rauschender Raumschotsfahrt laufe ich die ganze mühsam erkämpfte Strecke zurück nach Hirtshals. Da es in der Jammerbucht keinen Hafen gibt, gibt es eigentlich auch keinen Grund, mit einem Schiff in sie hineinzufahren, und tatsächlich habe ich hier die ganze Zeit kein anderes Fahrzeug gesehen. Also gönne ich mir diesmal den Luxus, ein wenig unter Deck zu ruhen. Auf diesem Kurs ist die Selbststeuerung auch ihrer Aufgabe gewachsen und bringt mich bequem in ein paar Stunden bis kurz vor Hirtshals.

Kurz vor dem Hafen bekomme ich die Quittung dafür: Gustav hat die Batterie leergesaugt, der Motor springt nicht an. Zum Glück habe ich ja noch die Reservebatterie unten im Kleiderschrank stehen. Also schnell getauscht, und schon bin ich gerettet.

Nach dem üblichen Prozedere mit Anmeldung auf Kanal 16 lege ich total fertig an, auf dem selben Platz, den ich knapp 24 Stunden zuvor verlassen habe. Duschen, Essen, Schlafen, danach erledige ich die nötigsten Reparaturen.

Abends ist wieder Party im Zelt. Ich versacke ziemlich gründlich mit ein paar etwas älteren Dänen. Nette Leute hier.