Sonntag, 3. August 2008: nach Rerik
Endlich kann es losgehen. Passende Westwindlage. Beim Hafenmeister für zwei Wochen abgemeldet, blinden Passagier von Bord komplimentiert, Leinen los!
Erstes Etappenziel ist Rerik. Wegen der etwas kitzligen Ansteuerung habe ich mich bisher nie dahin gewagt: Die letzten 5 Meilen führen durch das flache und beständig wechselnd versandete Salzhaff. Die Naturrinne ist nur auf dem letzten Stück betonnt. Schon für die Einfahrt ins Haff rät der Hafenführer etwas in der Art von "So dicht wie möglich an der Halbinsel Wustrow fahren und immer den hellen Bänken ausweichen." Klingt nach einer geeigneten Bewährungsprobe für mein neues Echolot.
Die Überfahrt verläuft problemlos. Wechselnde Windstärken und -richtungen, viel Sonne, etwas Regen. Bei der Einfahrt ins Salzhaff könnte es einem mulmig werden, weil an Backbord das Land zum Greifen nah erscheint. Aber das Echolot meldet tatsächlich üppige 4 Meter Tiefe, während die Sandbänke auf der anderen Seite der Durchfahrt fast schon trocken fallen. Der schwierige Teil beginnt allerdings erst jenseits der Einfahrt. Ohne klare Orientierungspunkte irre ich im Zickzack durch den Westteil des Haffs, immer auf der Suche nach tiefem Wasser. Endlich kommen die ersten Fahrwassertonnen in Sicht, und da mich praktischerweise ein einheimischer Segler überholt hat, muss ich nur noch hinterher fahren.
Eine Premiere für mich: Zum ersten mal überhaupt lege ich ganz allein in einem unbekannten Hafen an. Das klappt aber problemlos - der Wind ist weitgehend eingeschlafen, und es handelt sich um das Standardmanöver zwischen Pfählen. Also einfach im Vorbeifahren eine Leine über den Luv-Pfahl werfen, abstoppen, nach vorn laufen, Festmacher über, und zuletzt die zweite Achterleine mit dem langen Bootshaken rüberlegen.
Montag, 4. August 2008: Rerik
Aus dem Logbuch: Sehr unruhige Nacht. Der stetig zunehmende Wind bläst ungehindert über den flachen Teil der Wustrow,
im Hafen baut sich eine ansehliche Welle auf. Das Schiff stampft wie auf der Kreuz, manchmal knallen Wellen heftig unter
das Heck. Alles klappert, knarrt und ächzt. Regen peitscht.
Am Morgen wird klar, dass ich eingeweht bin. Also Ruhetag. Ortsbesichtigung, Schlaf nachholen, Abendspaziergang um das halbe
Haff.
Der NDR-Videotext meldet: Wind 6-7, Böen 8-9, See 1,5 m. Bis auf die Sturmböen kommt das auch ganz gut hin. Am Strand auf der Seeseite sieht man eine eindrucksvolle Brandung, während die Surfer auf dem Haff bei Starkwind und, (nach leichter Winddrehung) wenig Wellen richtig Spaß zu haben scheinen.
Rerik war für mich seit langem ein mythischer Ort - zum einen, weil es segelnd so schwierig zu erreichen ist, und vor allem, weil es Handlungsort von Alfred Anderschs lesenswertem Roman "Sansibar oder der letzte Grund" ist. Wenn man die Bilder aus dem Film im Kopf hat, kann man enttäuscht sein - der wurde wohl vorwiegend in Wismar gedreht. Doch immerhin man findet mit der schmucken gotischen Backsteinkirche und dem Fischereihafen zwei zentrale Romanschauplätze vor. Ja, hier könnte es gewesen sein.
Auf die Halbinsel Wustrow darf man nicht, nachdem die NVA dort am Ende zu faul war, ihre Munition wieder wegzuräumen, und somit der Verlust von Körperteilen droht. Oder so ähnlich.
Bei der abendlichen Wanderung um die Osthälfte des Haffs weht immer noch ein steifer Wind. Aber davon lasse ich mich
ebensowenig abschrecken wie der einsame Spaziergänger, der hier mit seinem Wildschwein (sic!) Gassi geht.
Das Schöne an stürmischem Wind: Es gibt spektakuläre Wolken.
Dienstag, 5. August 2008: Rerik - Warnemünde
Der Wetterbericht verheißt immer noch nicht viel Gutes - Wind 6, Böen 7-8, See 1,5 m. Lange Zeit sehe ich mir das Wetter skeptisch an und entscheide mich dann schließlich doch fürs Auslaufen, und wenn es nur Kühlungsborn ist. Das 2. Reff im Großsegel habe ich schon im Hafen eingebunden und dann auch den ganzen Tag dringelassen.
Im Salzhaff muß ich heute nur meiner eigenen GPS-Spur vom Hinweg nachfahren - kein Problem. Durch die eigentliche Haffausfahrt geht es kurzzeitig nur unter Motor, da hier der Wind mit 5-6 genau gegenan kommt - und an Kreuzen sollte man in der Rinne nicht mal denken.
Insgesamt dauert es 2¾ Stunden, bis ich die Wustrow komplett umrundet und Rerik wieder querab habe - nun aber von eben der Seeseite. Vor dem kräftigen raumen Wind kann ich jetzt flott ablaufen. Da es so gut läuft, lasse ich Kühlungsborn rechts liegen und fahre gleich durch bis Warnemünde.
Das Rudergehen erfordert bei dem Kurs und der achterlichen Dünung volle Konzentration. Ablösung gibt es nicht, Pausen sind nicht drin.
Der Einfachheit halber entscheide ich mich für die Riesenmarina Hohe Düne. Hier gibt es erfreulich viel freien Platz. Trotzdem verbasele ich das Anlegemanöver, als ich mich endlich für einen Liegeplatz auf der Luvseite entschieden habe und vor dem Einlenken in die Box nur noch ein paar Meter zurücksetzen will. Blöderweise habe ich nicht auf genug Freiraum in Lee geachtet, und in dem Moment der Manövrierunfähigkeit während des Aufstoppens drückt mich der Wind dort quer in die Pfähle. Doch zum Glück komme ich dabei vor einer freien Box zu liegen, und mit etwas Drücken und Schieben kann ich das Boot drehen und dort entspannt reindriften lassen. Geht doch! Das blieb übrigens mein einziges gründlich vergurktes Anlegemanöver des Jahres.
Hohe Düne ist die Art von Yachthafen, der ich gar nichts abgewinnen kann. Alles nagelneu, piekfein und steril. Es gibt eine große Einkaufspassage voller Edelboutiquen, aber keinen Lebensmittelladen weit und breit. Wundert mich nicht, dass der Hafen mitten in der Saison nur zu einem Drittel belegt ist. In die Stadt gelangt man nur mit der Barkasse über die Warnow - angesichts der vorgerückten Stunde verzichte ich drauf.
Einzige Sehenswürdigkeit: Direkt neben der Marina laufen imposante Fährschiffe ein und aus, und überragen dabei die die klotzigen Marinabauten noch deutlich.
Mittwoch, 6. August 2008: Warnemünde - Darßer Ort
Aus dem Logbuch: Von den versprochenen 4 Windstärken war den ganzen Tag nichts zu sehen. Statt dessen mehr oder
weniger Flaute; die Sonne kam den ganzen Tag nicht raus, und immer wieder tröpfelte es. Ohne Wind war nicht weit zu kommen,
zumal ich in der völlig ungewohnten Windstille, und ohne Morgensonne, ziemlich verschlafen habe.
Den ganzen Tag ging es dann dümpelnd den Darß hinauf, die meiste Zeit lief der Motor mit. Macht keinen Spaß.
Östlich von Warnemünde gibt es für fast 50 Seemeilen, bis zu den Bodengewässern um Rügen, keinen "offiziellen" Hafen auf der Seeseite. Aber immerhin gibt es auf halber Strecke den Nothafen Darßer Ort. Früher war hier ein Rettungskreuzer stationiert, und es war wohl auch kein Problem, wenn man ohne Not dort festmachte. Nun ist Darßer Ort eine Landzunge, die durch Sandablagerung entstanden ist und sich immer noch ständig verändert - kein Wunder, dass der Nothafen ständig versandete. Vor wenigen Jahren wurde dem Land das ständige Baggern zu teuer und deshalb der Hafen aufgegeben.
Aber auch ohne Hafen verspricht die Landzunge guten Schutz gegen westliche Winde. Als ich ankomme, liegen dort schon drei Yachten vor Anker. Als Freund haariger Ansteuerungen versuche ich trotzdem, mich in den Hafen vorzutasten, werde aber von einem Ankerlieger zurückgepfiffen - 30 cm Tiefe seien sicher nicht genug für mich. Wohl wahr...
Also Ankern. Stromsparen ist angesagt - eine Ölfunzel dient als Ankerlicht, und in der Kajüte kommt die die gute alte Petroleumlampe zum Einsatz. Wegen der desaströsen Versorgungslage in Warnemünde ist kein Bier mehr an Bord.
Donnerstag, 7. August 2008: Darßer Ort - Barhöft
Die Nacht war eine recht schauklige Angelegenheit. Nach dem Frühstück schwimme ich ein paar Runden um das Boot und untersuche dabei mit den Zehenspitzen meine nicht funktionierende neue Logge. Tatsächlich hemmt der Log-Geber - da habe ich beim Einbau wohl zu viel Kunstharz oder Glasfasermatte stehen lassen. Im Tauchen bin ich ganz schlecht, also warte ich damit auf das Winterlager.
Anker auf und ab in Richtung Osten. Schönstes Sommersegeln. Der mäßige Wind läuft um. Kurz vor der Einfahrt in Rügens Bodengewässer springt er auf Süd und bringt dabei die Backofenhitze vom Land mit. Noch ärgerlicher ist aber, dass ich nun in der Rinne gegen den Wind muss - und der Strom steht ohnehin gegenan. Die Tankanzeige ist nach der Motorgurkerei vom Vortag bedenklich niedrig, bis Stralsund reicht es nicht. Ich kreuze in der Rinne wie ein Weltmeister, aber als der Wind dann ganz einschläft, muss ich einsehen, dass ich es heute nicht bis Stralsund schaffen werde. Also kehrt gemacht und ab nach Barhöft. Sicherheitshalber rufe ich vorher noch mit dem Handy den Hafenmeister an und erkundige mich nach freien Plätzen - ohne Wind, ohne Benzin und ohne Liegeplatz würde ich ziemlich dumm dastehen.
Der Hafen ist ganz niedlich, aber Benzin gibt es hier nicht. Hier liegt jetzt der Rettungskreuzer, der früher bei Darßer Ort stationiert war - dass ich seinem Tochterboot einige Tage später eben dort unter dramatischen Umständen noch einmal begegnen werde, ahne ich noch nicht, als ich das Foto mache...
Freitag, 8. August 2008: Barhöft - Stralsund City Marina
Mit passendem Wind sind die paar Meilen, an denen ich gestern gescheitert bin, schnell zurückgelegt. Schon zur Mittagzeit lege ich direkt vor Stralsunds Zentrum an und habe ausreichend Zeit, mich in das Heer der Touristen einzureihen und die pittoreske Altstadt zu besichtigen.
Stralsund ist wirklich sehenswert; neben den berühmten Bauten der Backsteingotik gibt es die (alte) Gorch Fock I und das von Besucherschlangen belagerte neue Ozeaneum. Abends ist aber nicht mehr viel Leben in den alten Mauern. Im Osten der Stadt grüßt die neue Rügendamm-Hochbrücke. Auf den Gedanken, dass das Passieren dieser Brücke ein Problem werden könnte, komme ich nicht im Traum...
Samstag, 9. August 2008: Stralsund City - Stralsund Dänholm-Nord
Heute mal ein Beispiel, wie man es nicht machen sollte. Aus dem Logbuch und ohne Kommentar: 1. Versuch: Außen um
Dänholm rum, weil man da besser segeln kann als im Hafen. Kurz nach der Ausfahrt doch noch mal in der Karte nach der
Brückenhöhe geschaut: nur 8 m! Also wieder zurück in den Hafen. Dabei stottert auch noch der Motor - die gestern geholten
10 Liter nachgetankt (hektisch).
Fuck! Ein Hoch auf meine hervorragende Törnplanung!
Also in Dänholm mit Blick auf die Brücke festgemacht. Träge geworden, zum Bleiben entschieden.
50 Meter vor der neuen Hochbrücke ist also tatsächlich noch die alte Klappbrücke in Betrieb und wird nur in homöopathischen Dosen geöffnet. Also bleibe ich einen weiteren Abend in Stralsund. Es gibt Schlimmeres.
Sonntag, 10. August 2008: Stralsund - Gager
Am nächsten Tag stelle ich mich rechtzeitig zur Öffnungszeit brav vor der Brücke an und fahre dann in der Bootsprozession durch den Sund in den Greifswalder Bodden. Dort wird es ungemütlich.
Aus dem Logbuch: Heute konsequent schlechtes Wetter. Böiger Wind, immerhin von achtern, zeitweise 6. Dazu immer wieder
Regen, und saukalt. Konnte den ganzen Tag den Rudergängerplatz nicht verlassen. Groß im 2. Reff, dazu Genua wechselnder Größe.
Schön zu sehen, was das Boot so abkann.
Gager ist ein netter kleiner Ort, aber warum der Hafen sich unbedingt "Port Gager" titulierten möchte, ist nicht so ganz nachzuvollziehen. Die Landschaft erinnert ein bisschen an Irland. Südlich liegen die Zicker Berge, die sich auf für norddeutsche Verhältnisse beeindruckende 80 m Höhe erheben und einen Ausblick auf Rügens Südostspitze bieten. Da muss ich morgen rum.
Sonntag, 10. August 2008: Stralsund - Gager
Bei zur Abwechslung wieder schönem Wetter runde ich entspannt den Südostzipfel Rügens und laufe die Ostküste hinauf nach Sassnitz. Die im Sejlerens für diese Saison angekündigte neue Marina ist noch im Rohbau, also bleibt nur ein etwas rustikalerer Liegeplatz an der Außenmole.
Dies ist der östlichste Punkt der Reise. Meinen heimlichen Traum von einem Abstecher nach Bornholm streiche ich aus Zeitmangel. Die lange Etappe über See wäre einhand auch nicht ganz einfach zu bewältigen, wenn man nicht willens und fähig ist, stumpf unter Motor durchzufahren - ein Übernachttörn ohne Wachwechsel kann ganz schön unlustig werden.